US-Konjunktur stützt Börsen und bremst Zinssenkungen
Die aktuelle Marktphase wirkt widersprüchlich: Inflation, Staatsverschuldung und geopolitische Risiken auf der einen Seite und eine robuste US-Wirtschaft mit stabiler Konjunkturentwicklung auf der anderen. Am Beispiel von Technologiesektor und Halbleiteraktien zeigt sich, dass die Rallye längst nicht mehr nur von Zukunftsfantasie getragen wird, sondern zunehmend durch starke Unternehmensgewinne. Anbieter von KI-Rechenleistung, Netzwerktechnik und Rechenzentrums-Infrastruktur profitieren von den milliardenschweren Investitionen der großen Technologiekonzerne. Steigende Umsätze und Margen sorgen dort weiterhin für positive Überraschungen.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Der Markt blickt nämlich zunehmend kritisch auf den enormen Investitionsbedarf der sogenannten Hyperscaler. Entscheidend ist daher inzwischen weniger die absolute Höhe der KI-Ausgaben, sondern ob daraus tatsächlich profitables Wachstum entsteht. Vor diesem Hintergrund findet im Markt mittlerweile eine deutlich stärkere Differenzierung statt: Infrastruktur- und Halbleiterunternehmen können vielfach direkt von der Investitionswelle profitieren, Teile des Softwaresektors sowie klassische Technologiebereiche wie Smartphones oder Konsumelektronik hingegen entwickeln sich deutlich verhaltener.
Hinzu kommt ein sich verschärfendes Dilemma für die Notenbanken: In den USA sprechen robuste Konjunkturdaten, ein stabiler Arbeitsmarkt und eine weiterhin erhöhte Inflation gegen die gewünschten schnellen Zinssenkungen. Durch den Iran-Konflikt und mögliche neue Energiepreisschübe rücken Zinssenkungen weiter in die Ferne. Stattdessen werden sogar wieder Zinserhöhungen diskutiert.
Ähnlich schwierig ist die Lage in Europa: Die Inflationsprojektionen sprechen bei steigenden Energiepreisen eher für eine restriktivere Geldpolitik und der Markt beginnt auch schon, entsprechende Risiken wieder einzupreisen. Die wirtschaftliche Dynamik, insbesondere in Europa, ist jedoch nicht stark genug, um Zinserhöhungen problemlos zu verkraften. Daraus entsteht das aktuelle Dilemma: Aus Sicht der Inflation müssten die Notenbanken ihre Geldpolitik eher straffen — aus Sicht der Konjunktur wäre genau das kontraproduktiv.
Eigentlich wären derzeit die Voraussetzungen für höhere Renditen und mehr Nervosität an den Kapitalmärkten gegeben, jedenfalls theoretisch. Die Anleger vertrauen aber offenbar darauf, dass stabile Unternehmensgewinne, hohe Liquidität und technologische Innovationen, insbesondere im Bereich KI, stärker wirken als die vorhandenen Belastungsfaktoren. Die größte Überraschung der vergangenen Monate ist daher nicht einmal die Stärke der Märkte selbst. Sondern wie viele Gründe es eigentlich dafür gegeben hätte, schwächer zu sein.